Im Rap gibt es Musiker – und es gibt Heilige. Zu Letzteren gehören Tupac Shakur und The Notorious B.I.G. Wer an ihrem Denkmal rüttelt, muss nicht
unbedingt mit Argumenten rechnen, sondern mit Empörung. Das musste 2016 auch Lil Yachty erfahren. Der damals noch junge SoundCloud-Rapper erklärte öffentlich, er
interessiere sich nicht sonderlich für 2Pac und Biggie und kenne von beiden keine fünf Songs. Seine Begründung war fast schon entwaffnend: Man müsse schließlich
auch nicht Picasso studieren, um selbst malen zu können.
Für die Rap-Gemeinde war das beinahe Blasphemie. Denn an der Stellung der beiden hat sich bis heute wenig geändert. 2Pac und Biggie sind keine gewöhnlichen
Künstler mehr, sondern Ikonen, an denen sich die Geschichte des Hip-Hop rückblickend selbst erzählt. Und wie bei fast jeder Ikonisierung entsteht dabei ein
Problem: Je größer das Denkmal, desto schwieriger wird es, den Menschen dahinter noch zu erkennen.
30 Jahre nach seinem Tod am 13. September 1996 ist Tupac Amaru Shakur noch immer eine der berühmtesten und schillerndsten Figuren der Rapgeschichte. Seine Bedeutung
ist unbestritten. Seine Musik war politisch, emotional, widersprüchlich und oft bemerkenswert direkt. Shakur konnte Polizeigewalt, Rassismus, Armut und soziale
Ausgrenzung thematisieren und gleichzeitig über Gewalt, Sex, Geld und seinen eigenen Status als „Thug“ rappen.
Gerade dieser Widerspruch macht ihn interessant. Doch ausgerechnet die Verehrung hat diesen Widerspruch teilweise beseitigt. Aus dem widersprüchlichen
Menschen wurde im Laufe der Jahrzehnte der progressive Aktivist, der rebellische Poet, der Märtyrer und schließlich beinahe der säkulare Heilige des Hip-Hop.
Das ist nicht völlig falsch – aber es ist unvollständig.
Der politische Rapper und der inszenierte „Thug“
Shakurs politische Herkunft ist außergewöhnlich. Seine Mutter Afeni Shakur und sein Stiefvater Mutulu Shakur waren Mitglieder der Black Panther Party. Die politische
Auseinandersetzung mit Rassismus und sozialer Ungleichheit war deshalb nicht bloß ein Image, das ein Plattenlabel für ihn erfunden hätte. Sie gehörte zu seinem
familiären und kulturellen Hintergrund.
Gleichzeitig war Tupac aber auch ein Meister der Selbstinszenierung. Er spielte mit der Figur des gefährlichen Gangsters, kultivierte ein aggressives Image und nutzte
die Mechanismen der Popindustrie äußerst geschickt. Der Mann, der über soziale Ungerechtigkeit und die Situation schwarzer Jugendlicher sprach, war eben auch der
Rapper, der Gewalt und Machismo in Teilen seines Werkes glorifizierte.
Hinzu kommen die juristischen und persönlichen Schattenseiten seines Lebens. Shakur wurde unter anderem wegen sexuellen Missbrauchs verurteilt und verbrachte Zeit
im Gefängnis. Das gehört ebenso zu seiner Biografie wie seine politischen Texte und seine soziale Sensibilität.
Eine ernsthafte Würdigung muss beides aushalten. Sie darf den Künstler nicht auf seine schlechtesten Momente reduzieren. Sie sollte diese Momente aber
auch nicht aus dem Bild entfernen, nur weil sie nicht zum Mythos passen.
Vom Musiker zum Mythos
Die Aufnahme in die Rock & Roll Hall of Fame 2017 fasst die heutige Sicht auf Shakur exemplarisch zusammen. Dort wurde er als „provokativer Künstler und furchtloser
Aktivist“ gewürdigt. Hervorgehoben wurden sein poetischer Flow, seine Auseinandersetzung mit Polizeigewalt, systemischem Rassismus und dem Leben in den amerikanischen
Innenstädten.
Das ist nachvollziehbar. Aber auch hier zeigt sich, wie Erinnerung funktioniert: Der Mythos filtert. Er nimmt bestimmte Eigenschaften und macht sie zum
Wesenskern einer Persönlichkeit, während andere Aspekte zunehmend verblassen.
Aus Tupac wird dadurch rückblickend nicht selten eine Figur, die größer, geschlossener und eindeutiger erscheint, als sie zu Lebzeiten tatsächlich war. Dabei war gerade
seine Widersprüchlichkeit ein Teil seiner Faszination. Er konnte brillant und banal, verletzlich und aggressiv, politisch und selbstbezogen, poetisch und plakativ sein.
Aufgewachsen an der Ostküste, zum Gesicht der Westküste geworden
Auch seine geografische Zuordnung gehört zum Mythos. Im berühmten East-Coast-vs.-West-Coast-Konflikt der 1990er-Jahre wurde Tupac zum Gesicht der Westküste, obwohl er
in New York geboren wurde. Sein erster Künstlername „MC New York“ erinnert beinahe ironisch daran.
Seine Karriere führte ihn schließlich nach Kalifornien, wo er gemeinsam mit Dr. Dre, Snoop Dogg und anderen Künstlern zum Symbol des West-Coast-Rap wurde. Die
Feindschaft zwischen den Lagern wurde dabei nicht nur musikalisch ausgetragen, sondern durch Medien, Plattenfirmen und die beteiligten Künstler selbst immer weiter
aufgeladen.
Heute ist davon vor allem die große Erzählung übrig geblieben: zwei Küsten, zwei Lager, zwei Ikonen – Tupac und Biggie. Die Realität war komplizierter. Und gerade
deshalb ist es problematisch, diese Geschichte im Nachhinein wie eine Art Hip-Hop-Mythologie zu behandeln.
500 Songs – und nicht jeder davon ist ein Meisterwerk
Ein weiterer Aspekt der Verehrung betrifft Shakurs musikalischen Nachlass. Zu Lebzeiten veröffentlichte er vier Studioalben, nach seinem Tod folgten zahlreiche weitere
Veröffentlichungen. Dazu kamen Soundtracks, Compilations, Kollaborationen und Material aus seinem umfangreichen Archiv.
Fanprojekte kommen auf mehr als 500 aufgenommene Songs. Das ist beeindruckend und zeigt vor allem seine enorme Arbeitsgeschwindigkeit. Gleichzeitig stellt sich eine
unangenehme Frage: Ist ein großer Nachlass automatisch ein großer musikalischer Nachlass?
Die Antwort lautet natürlich: nein.
Wer hunderte Aufnahmen hinterlässt, hinterlässt zwangsläufig auch Material unterschiedlicher Qualität. Nicht jede Skizze, jedes Demo und jeder unveröffentlichte Track
wird dadurch zum verlorenen Meisterwerk, dass sein Urheber Tupac Shakur hieß.
Genau hier wird Kritik schwierig. Bei einem gewöhnlichen Musiker kann man zwischen herausragenden, durchschnittlichen und schwachen Arbeiten unterscheiden. Bei einer
Ikone dagegen besteht die Gefahr, dass nahezu jedes Fragment nachträglich aufgewertet wird. Der Name ersetzt dann zunehmend die musikalische Bewertung.
Die Freiheit, einen Heiligen langweilig zu finden
Vielleicht liegt hier auch der eigentliche Kern der damaligen Lil-Yachty-Affäre. Seine Aussage war musikalisch nicht besonders tiefgründig. Aber sie musste es auch
nicht sein. Ein Musiker ist nicht verpflichtet, seine Vorgänger zu verehren. Und schon gar nicht muss jeder Rapper dieselben Platten für genial halten.
Man kann 2Pac für einen der bedeutendsten Rapper aller Zeiten halten und trotzdem einzelne Songs schwach finden. Man kann seine politische Wirkung anerkennen und seine
Gewaltfantasien kritisieren. Man kann seine poetischen Fähigkeiten bewundern und gleichzeitig feststellen, dass nicht jede Zeile große Literatur ist.
Das ist keine Respektlosigkeit. Das ist normale Kunstkritik.
Interessanterweise würde eine solche Kritik Tupacs Bedeutung sogar eher stärken als schwächen. Denn große Kunst braucht keine Immunität vor Kritik. Wenn ein Werk nur
dann als bedeutend gilt, wenn niemand seine Schwächen benennen darf, handelt es sich irgendwann nicht mehr um Kunstkritik, sondern um Verehrung.
Der Tod macht aus Musikern keine besseren Musiker
Der frühe Tod Shakurs hat diesen Prozess zusätzlich beschleunigt. Mit 25 Jahren ermordet, wurde er zum Märtyrer einer Epoche, die ohnehin von Gewalt, Konkurrenz und
medialer Überhöhung geprägt war. Sein Tod beendete eine Entwicklung, die ansonsten vielleicht noch viele Überraschungen, Fehlentscheidungen, schwache Alben und
möglicherweise auch künstlerische Veränderungen hervorgebracht hätte.
Stattdessen blieb ein abgeschlossenes Bild zurück. Der Tod friert eine Karriere ein. Er verhindert, dass ein Künstler später schlechter wird – aber
ebenso, dass er sich musikalisch weiterentwickelt, Fehler korrigiert oder seine eigenen früheren Positionen hinterfragt.
Und genau deshalb ist Vorsicht angebracht, wenn aus Tupacs Tod eine Art Beweis für seine musikalische Unfehlbarkeit gemacht wird.
Respekt ja – Denkmalverehrung nein
Tupac Shakur war zweifellos eine außergewöhnliche Figur. Seine gesellschaftliche Wirkung, seine Präsenz und seine Fähigkeit, persönliche Verletzlichkeit mit politischer
Wut zu verbinden, haben den Hip-Hop nachhaltig geprägt. Seine Bedeutung lässt sich nicht auf Verkaufszahlen oder einzelne Songs reduzieren.
Aber gerade deshalb sollte man ihn nicht kleiner machen, indem man ihn zum unantastbaren Heiligen erklärt.
2Pac war kein Heiliger. Er war ein Musiker. Ein außerordentlich erfolgreicher, talentierter, widersprüchlicher und manchmal problematischer Musiker.
Seine besten Arbeiten verdienen Bewunderung. Seine schwächeren verdienen Kritik. Seine politischen Gedanken verdienen Auseinandersetzung – ebenso wie seine problematischen
Seiten.
Vielleicht wäre das sogar die angemessenste Form des Respekts. Denn Kunst, die keine kritischen Fragen mehr aushält, verliert einen Teil ihrer Lebendigkeit.
Und vielleicht darf ein Rapper deshalb auch heute noch sagen, dass er 2Pac nicht besonders mag, ohne dafür zum Ketzer erklärt zu werden. Blasphemie
beginnt nicht dort, wo man einen Künstler kritisiert. Sie beginnt dort, wo man ihn für unfehlbar erklärt.